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Phoenix aus der Asche

Liebe Mitglieder,

am letzten Wochenende hatte ich die Gelegenheit, bei einem „Erstflug“ eines sehr alten und ungewöhnlichen Flugmodells dabei zu sein. Wir bekamen Besuch von einem sehr netten Modellflieger mit seiner Tochter, der als Gastflieger sein restauriertes Flugmodell bei uns testen wollte.

Schon bei der Anfahrt fiel die ungewöhnlich große Beladung auf dem Autodach auf, wir vermuteten ein neues Modell von unserem Vereinsmitglied Mathias. Doch weit gefehlt: es entpuppte sich als ein Semiscale Nachbau einer Verkehrsmaschine. Rumpf und Fläche am Stück passten kaum auf einen modifizierten Dachgepäckträger.

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Das Titelbild zeigt die DOE 23, baugleich mit der DOE30

Ich habe nun im Nachgang etwas im Netz nachgeforscht, um was für ein Modell es sich handelt. Natürlich berichtete uns auch der jetzige Besitzer Herbert vom Werdegang und der aufwendigen Sanierung.

Es handelt sich um ein Flugmodell Namens Doering 30, konstruiert und gebaut von Willi Doering, Modellfluggruppe Jügesheim. Angelehnt an einen Starlifter gibt es kein echtes Pendant im Original. Dieses Großmodell ist immerhin etwa 43 Jahre alt und hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Vermutlich eine Einzelanfertigung wurde es ursprünglich von 4 OS Methanolern 10ccm angefeuert, die wohl im wahrsten Sinne des Wortes ohne Schalldämpfer ihren Dienst in den 4 Motorgondeln verrichteten. Der Rumpf ist aus Polyester, die stark gepfeilte Fläche komplett mit Glasgewebe verstärkt. Nach Willi Doerings Tod 2005 erwarb eine flughistorische Institution Nähe Berlin das Modell und rettete es vor der Zerstörung durch Entsorgung. 2012 schließlich kaufte Herbert die Maschine dort, er war durch eine Googlesuche darauf gestoßen. Herbert hat das Modell zunächst entölen müssen und die Motorgondeln verstärkt. Die Motorgondeln tragen nach dem Umbau auf Elektroantrieb je einen Brushlessmotor, je einen Regler und je einen Akkublock 6s / 8000mAh. Die Motoren erhielten Dreiblattpropeller aus Holz.

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Die Abmessungen sind recht üppig, Rumpflänge über 4 m, Spannweite um 4,7m, das Gewicht wurde nach dem Umbau auf Elektro mit 24 KG ermittelt.

Das 2 teilige Hauptfahrwerk wird über eine senkrecht im Rumpf stehende Spindel mittig in den Rumpf eingeklappt, das Bugfahrwerk  unterhalb der Kanzel eingefahren.

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Durch die Windschutzscheiben der Kanzel ist der Elektromotor des Bugfahrwerk erkennbar. Das Bugfahrwerk wird im eingefahrenen Zustand von Klappen verdeckt.

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Die Originalbeschriftung ist teils erhalten. Man achte auf die eingesetzte Fernsteuerung TX-14 von Graupner, die 1966 als erste Digitalfernsteuerung von Grundig für die Fa. Graupner hergestellt wurde. Die Anlage sendete im 27 MHz-Band und hatte den Vorläufer vom Failsafe (bei Störung  laufen die Servos auf einen Presetwert)

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Der Aufbau des Oldtimers dauerte erwartungsgemäß recht lange. Wir konnten uns vom Zustand aus nächster Nähe überzeugen. Der Rumpf und die Fläche sind absturzfrei. Der Rumpf hat diverse Schäden der Dekoration, welche kurzerhand mit DC-Fix übergetappert wurden. O-Ton Besitzer: der wird erst nach dem erfolgreichen Einfliegen wieder lackiert. Die Passagierfenster sind der unlackierte Polyesterrumpf, daher von innen mit einer guten Beleuchtung im Dunklen  transparent genug, um Licht durchzulassen.  Der  Konstrukteur und Erbauer Willi Doering  war mit diesem Modell wohl auf diversen Flugtagen und bot dabei auch Nachtflug mit Feuerwerk an.img_20161029_153226286_bk

 

Unsere Piste ist derzeit 240m lang, in der Mitte etwas tiefer gelegen. Herbert machte zunächst einige Rollversuche und dann stand es wohl fest: heute wird die Doe-30 eingeflogen ! Wir suchten uns eine günstige Startposition aus und mit etwas Gefälle der Piste  kam der  Flieger nach ca. 25 Metern  Rollweg frei. Er hatte eine  Tendenz nach rechts und Herbert hatte alle Hände voll zu tun,  die Querruder zu trimmen. Die Lastigkeit und Schwerpunkt waren  unverdächtig.

Ich  kann leider keine Flugbilder bieten, da ich an diesem Tag nur mit Smartphone bewaffnet war. Meine Hoffnung ist, dass Herbert erneut bei gutem Wetter bei uns aufschlägt und ich dann meine Kamera dabei habe.

Der Erstflug von ca. 4 min erzeugte sogar bei mir eine leichte Gänsehaut. Was wir fast durch einen Absturz erfahren mussten, fliege keine engen Kurven mit solch einem Vogel. Ich habe das zuletzt bei meiner K10, einem EPP- Delta beobachtet. Eine zu enge Kurve endet in einer flotten Steilspirale mit hoffentlich genug Höhe, um wieder abzufangen.

Die Motoren hatten genügend Kraftreserve für den Start und den Flug. Ob die Leistungsreserve im Zweifelsfall ausreicht, um einen Flugfehler zu kompensieren ist noch nicht geklärt. Die Antriebsauslegung scheint aber sehr gut zu sein, für den Erstflug incl. Rollversuch wurde ca. 1/4 der Akkukapazität entnommen.

Willi Doering hätte mit Sicherheit seinen Spaß beim Erstflug gehabt. Leider ist er bereits verstorben, seine Modelle haben ihn jedoch überlebt.

K.Sauerteig